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no. 24: wildwüchsige autobiographien -> personal blogs
 

"Angrenzende Widerspiegelungen"

Personal Blogs als metonymische Autobiographien

von Brigitte Rath

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* literatur
* druckbares
* diskussion

Personal Blogs sind eine aktuelle Form wildwüchsiger Selbstbeschreibung, deren autobiographische Struktur sich mit Roman Jakobson als Sammlung 'angrenzender Widerspiegelungen' beschreiben läßt: Das Ich 'hinter' einem Personal Blog, ein meist verborgenes Zentrum, wird nicht explizit thematisiert, sondern in fortgesetzten Metonymien immer wieder evoziert. Links zu anderen Blogs vervielfältigen die angrenzenden Widerspiegelungen.

 
"Ich schreibe nicht meine Biographie" stellt Boris Pasternak in seinem autobiographischen Text Geleitbrief fest; und er fährt fort: "Ich wende mich nur an sie, wenn es die fremde [Rilkes] erforderlich macht. Mit deren Hauptperson bin ich der Ansicht, daß nur der Held eine richtige Lebensbeschreibung verdient, die Geschichte des Dichters aber in dieser Gestalt unvorstellbar ist. Man müßte sie aus Unwesentlichem zusammenstellen, was von Zugeständnissen an Mitleid und Nötigung zeugen würde. Seinem ganzen Leben gibt der Dichter freiwillig ein solches Gefälle, daß sie, diese Lebensbeschreibung, in der biographischen Vertikale, wo wir sie doch erwarten würden, nicht sein kann." (28f.)

Wie aber schreibt man über sich, ohne von sich zu erzählen? Wie kann die "biographische Vertikale", das Insistieren auf dem eigenen Selbst, so umspielt werden, daß dieses Selbst nicht direkt gezeigt, aber dennoch evoziert wird?

Roman Jakobson charakterisiert in seinen "Randbemerkungen zur Prosa des Dichters Pasternak" dieses scheinbare Verschwinden des Ich und zeigt in seiner Analyse der Schreibweise Pasternaks, wie sich die "Vertikale" fast gänzlich in horizontalen Verschiebungen auflöst. Er schreibt:

"Die erste Person ist da [...] in den Hintergrund geschoben. Aber das ist nur eine scheinbare Geringschätzung -- der ewige Held der Lyrik ist auch hier gegenwärtig. Es handelt sich nur darum, daß der Held metonymisch hingestellt ist: so ist in Chaplins Pariserin kein Eisenbahnzug zu sehen, wir nehmen aber seine Ankunft nach den Reflexen an den aufgenommenen Menschen wahr, -- der unsichtbare durchscheinende Zug nimmt gleichsam zwischen Leinwand und Zuschauerraum seinen Weg. Ebenso fungieren die Bilder der Umgebung in Pasternaks Lyrik als angrenzende Widerspiegelungen, als metonymische Ausdrücke des Dichters Ich." (199)

Und damit hat Roman Jakobson 1935 am Beispiel Pasternaks diejenige Struktur autobiographischen Schreibens herausgearbeitet, die Personal Blogs prägt: "angrenzende Widerspiegelungen".

 

Fortgesetzte Verweise auf ein meist verborgenes Zentrum

Personal Blogs sind Webseiten, die in einzelnen, meist datierten und betitelten Einträgen -- kurzen oder längeren Texten, Photos, Zeichnungen, Comic Strips oder Videos mit oder ohne Begleittext -- Eindrücke und Überlegungen einer Person, oder einer eben dabei konstruierten Persona, in einem einheitlichen Format sammeln, präsentieren, organisieren und in das Netz einbinden; Beispiele finden sich unzählige. Die einzelnen Einträge können etwa das Backen von Früchtebrot oder die Vor- und Nachteile einer neuen Software beschreiben, aus Photos vom ersten Schnee des Jahres im eigenen Garten oder einem riesigen Spinnennetz im Türrahmen bestehen: es sind meist kleine, nicht all-tägliche, aber in den Alltag eingebettete Ereignisse und Beobachtungen, die mitgeteilt werden, und das Thema ist nur selten der Schreibende selbst.

Aber fast immer machen diese Einträge explizit oder implizit deutlich, wie der jeweilige Gegenstand an den Schreibenden 'angrenzt', und häufig gibt es mehr als einen Berührungspunkt, mehr als eine Kontiguitätsbeziehung, durch die das explizit Geschilderte den Schreibenden metonymisch evoziert: das Früchtebrot etwa wird nach dem überlieferten Rezept der englischen Urgroßmutter gebacken, das -- ausdrücklich mangels Tochter -- bei dieser Gelegenheit an den Sohn weitergegeben wird. Auf die Schreibende verweist so das Ereignis des Früchtebrotbackens selbst, dessen Urheberin sie ist; sie steht in einer hier explizit gemachten Kontiguitätsbeziehung zu ihrer Urgroßmutter, ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrem Sohn, eine verwandtschaftliche Kontiguitätsbeziehung, die in diesem Fall durch das immer von Mutter zu Tochter weitergegebene Rezept betont und materialisiert ist; die Photos verweisen auf die Situation, in der sie gemacht wurden und auf sie als diejenige, die sie gemacht hat, deren Blick sie festhalten und die sie so -- obwohl auf dem Photo nicht sichtbar -- wie den photographierten Sohn, die Zutaten und die Küche als Teil dieser Situation lokalisieren. Und sie verweisen auf sie als jemanden, die Photos von solchen Situationen macht -- und sie in ihrem Blog einbindet und so veröffentlicht.

Das Netz an Kontiguitätsbeziehungen, mit dem dieser einzelne Eintrag auf die Schreibende verweist, ist bei diesem Beispiel zwar relativ dicht; aber es unterscheidet sich nicht grundsätzlich von den Kontiguitätsbeziehungen, mit denen auch ein in einer Internet-Galerie gezeigtes Photo, ein in eine öffentlich zugängliche Datenbank wie YouTube eingestelltes Video -- ja sämtliche Artefakte auf ihren jeweiligen Autor verweisen, ohne daß wir sie dadurch notwendigerweise als autobiographisch wahrnehmen.

Wodurch werden in Blogs nun diese Kontiguitätsbeziehungen so betont, daß sie "metonymische Ausdrücke des [...] Ich" werden? Das liegt an einem Phänomen, das man 'fortgesetzte Metonymie' nennen könnte: Denn gerade weil die einzelnen Einträge sich inhaltlich meist nicht direkt aufeinander beziehen, durch ihre formale Ähnlichkeit -- etwa in Schrifttype, Layout, Gliederung -- und ihre räumliche Nachbarschaft aber ihre Zusammengehörigkeit signalisiert wird, sucht man nach einem nicht formalen Kriterium, das die Einträge verbindet. Und gemeinsam haben diese Einträge, daß sie alle in vielfachen Kontiguitätsbeziehungen zu immer derselben Person stehen, die sich in diesen Ereignissen und Beobachtungen und in ihrer Auswahl und Präsentation widerspiegelt und die beim Lesen und Betrachten der Einträge eines Blogs mehr und mehr Gestalt annimmt: als eine Person in einem bestimmten Netz von Kontiguitäten, mit bestimmten Routinen und Angewohnheiten, mit einer bestimmten Schreibweise, bestimmten Themenschwerpunkten und einem bestimmten Blick auf ihre Welt -- und als diejenige Entität, die die Einheit des Blogs garantiert.

Wie der Eisenbahnzug, der zwischen dem Blick des Kinogängers auf die Fahrgäste und ihren vielen wartenden, auf diese eine Sache gerichteten Blicken entsteht, entsteht hier der Blick und der Ort einer Person in der Welt durch des Lesers Blick auf die vielen Dinge, die sie anblickt, mit denen sie interagiert und die sie dem Blick Vorbeikommender ausstellt.

 

Angrenzende Widerspiegelungen, verdoppelt

Damit sind die für Personal Blogs konstitutiven angrenzenden Widerspiegelungen noch nicht erschöpft: denn ein einzelner Eintrag -- oder der ganze Blog -- kann mit einem Eintrag eines anderen Blogs verbunden, 'verlinkt' werden. Dieser meist kommentierte 'Link' schafft damit eine Kontiguitätsrelation, die eine verdoppelte Widerspiegelung zur Folge hat: Der ursprüngliche Eintrag verweist weiterhin metonymisch auf seinen Urheber; aber dadurch, daß ein fremder Eintrag eine Verbindung zu diesem ersten Eintrag herstellt, entsteht ein neues Orientierungszentrum und mit ihm eine neue, konkurrierende Verweisrichtung. Denn dieser fremde Eintrag spiegelt zwar den ursprünglichen Eintrag -- und damit indirekt auch den Urheber des ursprünglichen Eintrags -- wider, aber dominant verweist er auf seinen eigenen Urheber, auf das Ich, das die Reflektion eines fremden Ich reflektiert.

So etablieren Links eine doppelte Kontiguitätsrelation in einer Spannung zwischen Verbindung und Abgrenzung und machen dadurch deutlich, was auch für die einfachen metonymischen Verweise gilt: Die Widerspiegelungen, die die Person evozieren, sind nur möglich, weil sich die Person in etwas reflektiert, was eben nicht diese Person, aber mit dieser Person durch Kontiguität verbunden ist; dabei entsteht als Gegenstück dieser Reflektion die Persona als Konstrukt ihrer eigenen metonymischen Verstrickungen. Diese Verbindung hinterläßt Spuren, die nicht nur auf den jeweils anderen verweisen, sondern beide prägen. Und wo sich die Reflektionen einer Persona an den Reflektionen einer anderen Persona brechen, verknüpft sich eine Biographie mit einer anderen: "Ich schreibe nicht meine Biographie. Ich wende mich nur an sie, wenn es die fremde erforderlich macht."

Natürlich sind Personal Blogs nicht die einzigen auf diese Weise metonymischen Autobiographien; und andererseits gibt es Personal Blogs, die den Schreibenden dominant thematisieren, so daß die "biographische Vertikale" die Reflektionen überstrahlt; und selbst wenn angrenzende Widerspiegelungen für einen bestimmten Personal Blog konstituierend sind, so schließt das mitnichten andere Arten autobiographischen Schreibens aus -- etwa einen von der Startseite aus prominent verlinkten "Über mich"-Eintrag, der den Schreibenden mit (einigen) üblichen biographischen Angaben vorstellt. Aber Personal Blogs neigen durch ihre Struktur, die vielfältige Kontiguitätsbeziehungen nicht nur ermöglicht, sondern fördert, ganz besonders dazu, die relationale Konstitution eines Selbst auszustellen: Ich werde bestimmt durch das, was ich wahrnehme und womit ich interagiere. Und so kann ich über mich schreiben in angrenzenden Widerspiegelungen.

 

autoreninfo 
Brigitte Rath studierte Komparatistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der University of Sussex in Brighton (UK). Ihr besonderes Faible für die Narratologie hat sie mit ihrer Dissertation Narratives Verstehen. Entwurf eines narrativen Schemas voll ausgelebt. And now for something completely different.
E-Mail: brigitterath@gmx.net

 

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